Das Kulturerbe benötigt mehr Teilhabe.

Das Kulturerbejahr 2018 ist vorbei. Vorbei eine für alle Beteiligten ausgesprochen intensive Zeit, zuerst der Vorbereitung und dann der Durchführung des Jahres selbst.

Rund 1’500 Anlässe verschiedenster Art animierten mit dem Motto «Schau hin – regarde – guarda!» Besucherinnen und Besucher in der ganzen Schweiz, unser Kulturerbe unter die Lupe zu nehmen. Und dabei zu entdecken, was Kulturerbe eigentlich bedeutet – im alltäglichen Leben einer und eines jeden Einzelnen von uns. Als Teil der Kultur trägt es zu unserer Lebensqualität bei, als Erbe steht es in einem Spannungsfeld zur Gegenwart und fordert uns heraus, und als gemeinsames Gut führt es Menschen zusammen.

Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamts für Kultur BAK, verglich das Kulturerbe mit einer Brücke: zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, zu anderen Orten und Menschen. Damit es diese Funktion wahrnehmen kann, muss es – wie das Bauwerk – gepflegt werden, vor allem aber genutzt.

In der Begegnung mit dem Alten war vor allem – für manche wohl überraschend – Neues zu entdecken. Neu war sicherlich die Vielfalt und die thematische Breite der Anlässe. Sie besteht zwar auch ohne ein Kulturerbejahr, doch dank dieser gemeinsamen Plattform wurde sie für einmal sichtbar. Und bleibt es hoffentlich auch in Zukunft. Neu waren auch manche Formen der Vernetzung unter den Veranstaltenden. Da ergaben sich einige unerwarteten Synergien, die Anlässe möglich machten und Themen miteinander in Beziehung setzten, auf die man nicht ohne weiteres gekommen wäre; wieso eigentlich nicht, wird sich im Anschluss wohl mancher gefragt haben. Gerade für kleine Organisationen, die sich für unser Kulturerbe einsetzen, bot sich damit die Chance, Veranstaltungen zu organisieren, die sich als Einzelkämpfer nicht stemmen liessen. Eine Chance, die erfreulich oft wahrgenommen wurde und zur Qualität der Anlässe beitrug. Auch hier wurden Grundlagen gelegt für künftige Zusammenarbeit. Neu waren schliesslich manche Formen der Vermittlung. Sei es, dass versucht wurde, Kulturerbe stärker im Kontext von Landschaft und Gegenwart zu vermitteln und erlebbar zu machen. Sei es, dass verstärkt der Austausch mit dem Publikum gesucht, dessen Fragen und Anliegen stärker ins Zentrum der Veranstaltungen gerückt wurde. Viel Neues vermochte das Kulturerbejahr anzustossen bei allen denen, die dieses Erbe pflegen und es ist zu hoffen, dass die Anstösse weiterwirken.

Indes, und das ist der Wermutstropfen, das breite Publikum hat man nicht erreichen können. Kaum gelangte man an Kreise, die dem Kulturerbe bisher fern standen, kaum konnten Politikerinnen und Politiker animiert werden, die Anlässe zu besuchen. Dass diese Ziele nicht erreicht wurden, hat verschiedene Gründe. Da sind einerseits sicherlich die begrenzten Ressourcen aller Beteiligten zu nennen. Oder die Koordination im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, die mit einem grösseren zeitlichen Vorlauf hätte verbessert werden können. Doch stand im Vornherein fest, dass sich breites Interesse für das Kulturerbe nicht mit dem Umlegen eines Schalters wecken lässt. Intensive Bemühungen aller Beteiligten sind frühzeitig notwendig, wenn man bei einem nächsten Kulturerbejahr nicht wieder dieselbe Bilanz ziehen will. Die Führung liegt hier sicherlich bei denjenigen Organisationen, die als grosse Mitgliedgesellschaften oder aufgrund ihrer thematischen Breite so aufgestellt sind, dass sie landesweit wirken können. Ebenso wichtig ist aber eine verstärkte Zusammenarbeit aller Beteiligten, um dieses Ziel zu erreichen. Bei zahlreichen Veranstaltungen des Kulturerbejahres hat sich gezeigt, wie in Kooperationen Synergiegewinne erzielt werden. Das gilt auch für die Öffentlichkeitsarbeit. Es geht nun darum, nicht nachzulassen und die neuen Ansätze weiterzuverfolgen. Das bedingt auch, dass wir, als Kulturerbe-Pflegende, uns und unsere Arbeit künftig stärker hinterfragen: Welche Begeisterung für das Kulturerbe können wir weitergeben? Auf welche Weise? Wie können wir mehr Teilhabe ermöglichen? Breites Interesse am Kulturerbe kann nur aus mehr Teilhabe entstehen. Diese müssen wir nicht nur zulassen (lernen), sondern auch gezielt fördern.

Die Schritte, die im Kulturerbejahr in diese Richtung gemacht wurden, sind vielversprechend und ermutigend. Aber es sind erst die ersten Schritte. Es gilt weiterzugehen. Das Kulturerbejahr 2018 ist vorbei – wir stehen erst am Anfang des Weges.

Boris Schibler, Vize-Präsident Trägerverein Kulturerbejahr 2018