Sprachenvielfalt als schützenswertes Kulturerbe

Meinungsbeitrag von Corina Casanova,

Präsidentin Forum Helveticum, alt Bundeskanzlerin

(veröffentlicht im «Corriere del Ticino» am 26.09.2018, Europäischer Tag der Sprachen)

 

Die Schweiz ist vielsprachig. Mit vier Landessprachen verfügen wir über eine kulturelle Vielfalt, die ihresgleichen sucht. Hinzu kommen noch weitere Sprachen, die hierzulande auch gesprochen werden. Als Teil unserer Kultur ist die Mehrsprachigkeit tief in uns verankert.

Durch die Schweiz verlaufen die Alpen. Nördlich davon wird vorwiegend Deutsch gesprochen und südlich: Italienisch. Der Gotthard verbindet die beiden Landesteile und sorgt für eine klare Sprachlinie. Im Westen ist Französisch zu Hause und im Südosten des Landes, in Graubünden, wird nebst Deutsch und Italienisch auch Rätoromanisch gesprochen. 

Die Sprachenvielfalt ist Ausdruck der verschiedenen Kulturzugehörigkeiten. Obwohl nahe bei Deutschland und Österreich fühlen sich Deutschschweizer als Schweizer und nicht als Deutsche oder Österreicher; ebensowenig sehen sich Romands als Franzosen oder Tessiner und Italienisch sprechende Bündner als Italiener. Diese Frage stellt sich weniger bei den Rätoromanen, zumal sie über kein grosses, sprachliches Hinterland verfügen. Je nach Herkunft verfügen wir also über französischen Charme, deutsche Gründlichkeit und südländische Spontaneität oder eine Mischung davon. Und damit identifizieren wir uns denn auch.

Nun, perfekt ist sie nicht unsere Mehrsprachigkeit. Die Dominanz der Mehrheitssprache Deutsch (rund 60% der Bevölkerung spricht Deutsch) ist trotz allem Realität. Darum ist es richtig und wichtig, dass sich die anderen Sprachen für ihre Sache wehren. Hinzu kommt Englisch als neue Herausforderung. Beim Sprachenunterricht in der Schule müssen sich das Französische wie auch das Italienische gegenüber dem Englischen durchsetzen. Dabei ist Englisch unabdingbar, sei es in der Wissenschaft oder Wirtschaft. Nichtsdestotrotz gilt zu beachten, dass es die meisten kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) rund zwei Drittel der Arbeitsplätze im Land stellen. Die jungen Leute tun daher gut daran, unsere Landessprachen zu lernen, um gegebenenfalls auch in einer Landesgegend zu arbeiten, wo eine andere Sprache gesprochen wird als daheim. Wer Geschäfte machen will, muss die Sprache der Kunden sprechen. Sprachenkenntnisse wirken sich denn auch auf das Portemonnaie aus, und zwar positiv. 

Nebst dem Englischen ist auch Spanisch im Trend, was insofern verständlich ist, als es die dritthäufigste Sprache ist, die weltweit gesprochen wird. Umso wichtiger ist es, dass Staat und Zivilgesellschaft den Willen aufbringen, die Sprachenvielfalt zu erhalten und zu fördern und dadurch die Unterschiedlichkeit und die Minderheiten als Stärke zu betrachten. Wichtig ist, dass wir uns heute und in Zukunft verstehen, dass wir auf einander zugehen um zu erfahren, was unsere Mitmenschen in den anderen Landesteilen bewegt und beschäftigt. Unsere Sprachenvielfalt ist gleichzeitig kulturelle Vielfalt. Der Umgang damit ist eine grosse Errungenschaft, die wir beibehalten wollen – umso mehr, da wir dieses Jahr das Kulturerbejahr feiern. Nur dank grossem Engagement ist diese Vielfalt zu erhalten. Ein Engagement für einen individuellen und kollektiven Reichtum für die Stärkung der mehrsprachigen Identität unseres Landes.